Innerer Kompass: Von Wahrheiten mit Preismodell, Thomas aus dem Vertrieb und der unverschämten Idee, selbst zu entscheiden

Schönen Donnerstag!

Drei Gedanken, zwei Zitate, eine Frage — diese Woche.   

─────────────────────────────────────────────────────


3 GEDANKEN VON MIR

I. 

Hüte dich vor Menschen mit nur einer Wahrheit. Besonders, wenn diese Wahrheit einen englischen Namen, ein Onlineprogramm und drei Preisstufen hat.

Eine gute Idee wird zur Ideologie, sobald sie alles erklären soll: deine Beziehungen, deinen Kontostand, deine Darmflora und warum du mit 42 noch nicht CEO deiner Weiblichkeit bist.

Lerne von vielen. Widersprich einigen. Verlass andere wieder. Eine Lehrerin darf dir eine Tür zeigen – aber sie sollte nicht anschließend behaupten, ihr gehöre das ganze Gebäude.

─────────────────────────────────────────────────────

II. 

Deine beste Arbeit entsteht dort, wo du dich nicht permanent selbst übersetzen musst.

Frauen hören oft, sie sollten authentisch sein. Gemeint ist damit: authentisch, aber professionell. Selbstbewusst, aber nicht einschüchternd. Kompetent, aber bitte mit Wärme. Durchsetzungsfähig, aber so, dass Thomas aus dem Vertrieb sich weiterhin für den natürlichen Mittelpunkt der Schöpfung halten kann.

Wirklich gut wirst du, wenn deine Arbeit Ausdruck deiner Persönlichkeit sein darf – nicht das Ergebnis einer jahrelangen Dressur zur angenehmsten Person im Besprechungsraum.

Dann arbeitest du nicht nur besser. Du musst dich anschließend auch nicht zwei Stunden davon erholen, du selbst gewesen zu sein.

III. 

Erwartungen können zu Geiselnehmerinnen werden. Du hattest einen Plan: Beruf, Beziehung, Familie, Freiheit – möglichst gleichzeitig, makellos und mit entspanntem Beckenboden.

Dann kommt das Leben und sagt: Nein.

Oder der Arbeitsmarkt sagt: Vielleicht, aber für weniger Geld.

Oder ein Mann sagt: Du bist großartig, ich bin nur gerade nicht bereit. Was erstaunlich oft bedeutet, dass er drei Monate später bereit ist – für eine 27-Jährige.

Setz dir hohe Ziele. Aber verwechsle Anpassungsfähigkeit nicht mit der Pflicht, jede Enttäuschung in Dankbarkeit umzudeuten. Nicht jeder Rückschlag ist ein Geschenk. Manche sind einfach Sexismus mit Kalenderzugriff.

Trotzdem kannst du alles verwenden: das Scheitern, die Wut, den falschen Weg, die Absage und die Erkenntnis, dass dein Traum vielleicht nur eine gesellschaftlich hübsch dekorierte Verpflichtung war.

Alles ist Material für deinen nächsten Schritt. Sogar Thomas.


2 ZITATE VON ANDEREN

I. 

Die Ärztin und Pädagogin Maria Montessori darüber, woran man gute Führung erkennt:

„Das größte Zeichen des Erfolgs einer Lehrerin ist, sagen zu können: Die Kinder arbeiten inzwischen, als gäbe es mich nicht.“

Das gilt auch für Führung: Gib Menschen Wissen, Vertrauen und Raum – dann brauchen sie dich immer weniger.

Ein revolutionäres Konzept in einer Arbeitswelt, in der manche Führungskräfte ihre eigene Unentbehrlichkeit für eine Kernkompetenz halten. Sie nennen das Leadership. Die Mitarbeitenden nennen es Donnerstag.

Quelle: The Montessori Method (1912)

II. 

Die Schriftstellerin Ursula K. Le Guin über Systeme, die sich gern als Naturgesetze verkleiden:

„Wir leben im Kapitalismus. Seine Macht scheint unausweichlich. Das galt auch einmal für das Gottesgnadentum der Könige.“

Auch das Patriarchat hält sich gern für alternativlos. Das ist verständlich: Wer jahrhundertelang das Mikrofon hatte, verwechselt die eigene Stimme irgendwann mit der Wahrheit.

Quelle: Rede bei den National Book Awards, 2014


1 FRAGE FÜR DICH

Was würdest du tun, wenn du dir zehnmal mehr Handlungsmacht zugestehen würdest?

Nicht zehnmal mehr Disziplin. Nicht zehnmal mehr Selbstoptimierung. Und bitte keinen neuen Kalender, in dem du dein Burn-out farblich sortierst.

Wenn du diese Erkenntnisse mit jemandem teilen willst — hier ist der Link: www.ruthmischnick.de/innerer-kompass-newsletter/

Bis nächste Woche,

Ahoi Sista,


Dr. Ruth Mischnick 

Die, die das Workbook geschrieben hat

P.S. Du musst nicht an jeder Krise wachsen. Durchkommen reicht.

Probier’s mit mir

Danke fürs Lesen. Der Innere Kompass erscheint jeden Donnerstag: drei Gedanken von mir, zwei Zitate von anderen und eine Frage für dich. Mehr Erkenntnis auf einmal wäre ohnehin verdächtig.

Den 3-2-1 Donnerstag direkt ins Postfach

Kein Spam. Jederzeit abbestellbar.