Innerer Kompass: Warum Vergleichen nicht immer Selbstzerlegung ist, schlechte Tage keine Anklage sind und Älterwerden nicht enger machen muss
Schönen Donnerstag!
Drei Gedanken, zwei Zitate, eine Frage — diese Woche.
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3 GEDANKEN VON MIR
I.
Vergleichen ist wie Salz.
Ein bisschen davon kann klären, was fehlt.
Zu viel davon macht alles ungenießbar und du sitzt um 23:41 Uhr mit dem Handy im Bett und vergleichst dein Innenleben mit der Außenfassade einer Frau, die vermutlich auch gerade denkt, sie müsste endlich mal ihr Leben sortieren.
Vergleich als Schleife ist Selbstverletzung mit WLAN:
„Warum bin ich nicht weiter? Warum sieht sie so souverän aus? Warum hat sie diesen Leinenanzug, der aussieht, als hätte er nie eine Steuererklärung gesehen?“
Vergleich als Punkt ist nützlich:
„Ah. Da gibt es eine Lücke. Was kann ich konkret verändern?“
Der Unterschied ist nicht moralisch. Er ist praktisch.
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II.
Ein guter Tag ist nicht der Tag, an dem nichts schiefgeht.
Das ist ein Prospekt.
Kein Leben.
Ein guter Tag ist manchmal der Tag, an dem du morgens schon merkst: Das wird hier heute kein Meisterwerk — und trotzdem nicht sofort dich selbst verklagst.
Das klingt klein.
Ist aber eine mittlere Revolution mit Spülmaschine.
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III.
Ich hoffe, dass Älterwerden mich nicht enger macht.
Nicht härter.
Nicht braver.
Nicht dieses „Ich weiß jetzt, wie die Welt ist“, das oft nur Enttäuschung mit besserer Frisur ist.
Ich möchte nicht altern wie ein Türschloss, das jedes Jahr weniger Schlüssel akzeptiert.
Ich möchte beweglicher werden.
Nicht im Yoga-Sinn.
Mein Rücken ist inzwischen eine eigene Oppositionspartei.
Innerlich beweglicher.
Die Frage ist nicht:
„Wie werde ich die beste Version von mir?“
Bitte nicht.
Diese Version macht wahrscheinlich Meal Prep und nennt Haferflocken „Ritual“.
Die bessere Frage ist:
Was kann ich heute etwas weniger automatisch glauben als gestern?
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2 ZITATE VON ANDEREN
I.
Ingeborg Bachmann schrieb:
„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“
Das ist ein Satz mit sehr wenig Wellnesspotenzial.
Und genau deshalb ist er nützlich.
Die Wahrheit ist zumutbar.
Nicht jede Wahrheit muss sofort gelöst werden.
Aber sie muss irgendwann aufhören, im Flur zu stehen und so zu tun, als wäre sie nur kurz zu Besuch.
Quelle: „Ingeborg Bachmann, „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, Dankrede zum Hörspielpreis der Kriegsblinden,1959
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II.
Das sagt Octavia E. Butler:
„Vergiss zuerst die Inspiration. Gewohnheit ist verlässlicher.“
Das ist angenehm unromantisch.
Inspiration ist schön.
Aber sie kommt gern spät, trägt keine Verantwortung und sagt dann: „Ach, heute doch nicht.“
Gewohnheit ist weniger glamourös.
Sie trägt eher praktische Schuhe.
Warte nicht darauf, dass du dich bereit fühlst.
Bereit ist oft nur das Wort, mit dem dein altes Leben versucht, dich noch eine Runde im Wartezimmer zu behalten.
Quelle: Octavia E. Butler, Bloodchild and Other Stories, 1995
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1 FRAGE FÜR DICH
Welche Ordnung in deinem Leben würde sofort wackeln, wenn du aufhörst, dich selbst als Störung zu behandeln?
Wenn du diese Erkenntnisse mit jemandem teilen willst — hier ist der Link: www.ruthmischnick.de/innerer-kompass/
Bis nächste Woche,
Dr. Ruth Mischnick
Psychologin · Neurowissenschaftlerin · Universitätsdozentin
P.S. Sag beim Abschied leise Servus.
Innerer Kompass
— jede Woche drei Gedanken, zwei Zitate, eine Frage.
Probier’s mit mir
Danke fürs Lesen. Der Innere Kompass erscheint jeden Donnerstag: drei Gedanken von mir, zwei Zitate von anderen und eine Frage für dich. Mehr Erkenntnis auf einmal wäre ohnehin verdächtig.